Simon Gietl steht für eine Form des Bergsteigens, die auf Linie, Geduld und saubere Entscheidungen setzt. Wer sich für Alpinklettern, Winterbegehungen und Erstbegehungen in den Dolomiten interessiert, bekommt hier mehr als eine Namensnotiz: Ich ordne ein, wie dieser Südtiroler Bergführer arbeitet, welche Touren sein Profil geprägt haben und was man daraus für eigenes Bergsteigen lernen kann.
Die wichtigsten Informationen auf einen Blick
- Profil: Südtiroler Berg- und Skiführer mit Schwerpunkt auf Alpinklettern, Solo-Touren und Winterbegehungen.
- Stil: Er sucht eigenständige Linien, oft in den Dolomiten, und setzt auf einen sehr bewussten Umgang mit Risiko.
- Besonderheit: Seine Projekte sind selten reine Sportleistungen, sondern kombinieren Technik, Planung, Wettergefühl und mentale Stärke.
- Aktuell relevant: Im Frühjahr 2026 sorgte eine Solo-Winterbegehung an der Cima Grande di Lavaredo erneut für Aufmerksamkeit.
- Praktischer Mehrwert: Seine Touren zeigen, warum gute Vorbereitung, realistische Einschätzung und Rückzugsfähigkeit im Gebirge wichtiger sind als reine Härte.
Wer Simon Gietl ist und warum er heraussticht
Ich halte seinen Werdegang für spannend, weil er nicht aus einer einzelnen Sensation besteht, sondern aus einer sehr klaren Haltung: schwere Linien, viel Planung und wenig Theatralik. Er kommt aus Luttach im Ahrntal, arbeitet als staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und bewegt sich vor allem dort, wo Alpinismus noch wirklich Alpinismus ist: in steilen, oft kalten und logistisch anspruchsvollen Wänden.
Das Besondere ist für mich nicht nur das Können, sondern die Konsequenz dahinter. Wer beruflich in den Bergen zu Hause ist, denkt anders über Wetterfenster, Absicherung, Rückzug und Verantwortung. Genau deshalb wirken seine Projekte selten wie bloße Prestigefahrten. Sie sind meist Ausdruck eines sehr klaren Bergverständnisses: Linie vor Lärm, Stil vor Effekthascherei, Substanz vor Show.
Damit ist schon viel erklärt, aber nicht alles. Entscheidend wird, wie er diese Haltung in den Dolomiten umsetzt und warum gerade dort so viele seiner Linien entstehen.

Warum seine Linienwahl in den Dolomiten so konsequent wirkt
Die Dolomiten sind nicht einfach Kulisse, sondern sein eigentliches Arbeitsfeld. Dort treffen steile Wände, brüchige Passagen, wechselhafte Bedingungen und lange Zustiege aufeinander. Wer hier neue Linien sucht, braucht mehr als Kraft: Man braucht ein Auge für Fels, Ruhe beim Lesen der Wand und den Mut, eine Route nicht nur zu beginnen, sondern auch wieder sauber zu Ende zu führen.
Gerade daran zeigt sich sein Stil. Er sucht nicht nur Schwierigkeit, sondern eine Linie, die im Gelände Sinn ergibt. Das ist im Alpinklettern ein wichtiger Unterschied. Eine Route kann technisch hart sein und trotzdem austauschbar wirken. Eine gute Dolomitenlinie dagegen hat oft etwas Strenges und Logisches zugleich. Sie folgt einem Schwachpunkt, einer Kante, einem Risssystem oder einem markanten Pfeiler und wirkt dadurch fast selbstverständlich, auch wenn sie extrem anspruchsvoll ist.
Für mich ist das der Punkt, an dem aus Leistung Charakter wird. Man erkennt, dass es nicht darum geht, möglichst viele Meter zu sammeln, sondern eine Wand sauber zu lesen. Genau aus diesem Grund lohnt sich ein Blick auf die Touren, die seinen Namen besonders geprägt haben.
Diese Touren haben sein Profil geprägt
Wer verstehen will, warum er in der Alpin-Szene so präsent ist, sollte nicht nur auf eine einzelne Begehung schauen. Auffällig ist vielmehr die Wiederholung eines Musters: Winter, Solo, Erstbegehung, lange Linien und oft sehr ernstes Gelände. Die folgenden Beispiele zeigen das besser als jede allgemeine Beschreibung.
| Projekt | Warum es relevant ist | Was man daraus liest |
|---|---|---|
| Erste Winter-Soloquerung der Drei Zinnen | Ein Massiv, das viele Bergsteiger kennen, aber nur wenige auf diese Art und Weise gehen. | Er denkt in ganzen Gebirgsabschnitten, nicht nur in einzelnen Routen. |
| Das Phantom der Zinne | Im Frühjahr 2026 gelang ihm eine zwei Tage lange Solo-Winterbegehung an der Nordwand der Cima Grande. | Das ist aktueller Beleg für seine Form, seine Erfahrung und sein Timing im Winter. |
| Identität | Eine 500 Meter hohe Solobegehung mit Schwierigkeitsgrad 8 und A1 an der Westwand des Mittleren Zwölfer. | Hier zeigt sich, wie sehr ihn die Frage nach Stil und persönlicher Haltung interessiert. |
| Born Ready | 115 Meter, Grad 9, traditionell abgesichert und ohne Bohrhaken an der Hinteren Geierwand. | Er verbindet Härte mit einer klassischen, respektvollen Linie am Fels. |
| Can you hear me? | Eine 550 Meter lange Rope-Solo-Begehung in Erinnerung an einen Freund. | Seine Projekte haben oft auch eine emotionale Ebene und sind nicht nur sportliche Zahlenspiele. |
Gerade diese Mischung ist wichtig. Es geht nicht nur um Schwierigkeit oder Höhe, sondern um die Art, wie eine Linie ausgewählt, vorbereitet und begangen wird. Damit sind wir mitten bei der Frage, was sein Stil im modernen Alpinklettern eigentlich bedeutet.
Was sein Stil über modernes Alpinklettern verrät
Der Begriff Rope solo taucht bei solchen Begehungen immer wieder auf. Er bedeutet, dass der Kletterer die Seilsicherung selbst organisiert, also ohne klassischen Partner an der Wand arbeitet. Das erhöht die Eigenständigkeit, verlangt aber auch ein sehr sauberes System, weil keine zweite Person Fehler im Ablauf abfängt. Genau deshalb ist Rope solo eher eine Spezialdisziplin als eine allgemein empfehlenswerte Methode.
Ebenso wichtig ist die traditionelle Absicherung. Bei manchen seiner Linien geht es bewusst nicht um gebohrte Sicherungspunkte, sondern um natürlichen Fels, Haken, Friends und ein ehrliches Absicherungsgefühl. Das wirkt auf den ersten Blick strenger, ist aber oft näher an der eigentlichen Idee des Alpinkletterns: Der Berg bleibt der Berg, und die Route passt sich dem Gelände an, nicht umgekehrt.
| Stilmerkmal | Praktische Bedeutung | Grenze oder Risiko |
|---|---|---|
| Solo- und Rope-Solo-Begehungen | Maximale Selbstständigkeit und volle Kontrolle über den Ablauf. | Kein direkter Partner, keine spontane Hilfe, kein Puffer bei Fehlern. |
| Wintertouren | Oft stabilere Felsbedingungen, klare Kälte, präzise Planung. | Kälte, Eis, kurze Wetterfenster und hohe Belastung über Zeit. |
| Neue Linien | Erkundung, Kreativität und echtes Lesen der Wand. | Unbekannte Felsqualität, unklare Rückzüge, mehr Unsicherheit. |
| Traditionelle Absicherung | Weniger Eingriff in den Fels und mehr stilistische Konsequenz. | Höherer Anspruch an Urteilskraft und Absicherungsvermögen. |
| Langfristige Vorbereitung | Ideen reifen, bis Wetter, Form und Bedingungen zusammenpassen. | Viele Versuche enden mit Abbruch, Geduld ist Pflicht. |
Ich finde genau diese Kombination überzeugend, weil sie zeigt, dass modernes Alpinklettern nicht nur härter, sondern oft auch bewusster geworden ist. Und gerade da liegt die Frage nahe, welche Grenzen man dabei nicht übersehen sollte.
Wo die Grenzen dieses Stils liegen
So beeindruckend solche Projekte sind, so falsch wäre es, sie als allgemeine Blaupause zu lesen. Nicht jede starke Tour ist automatisch ein gutes Vorbild für andere, und nicht jede Solobegehung ist per se „ehrlicher“ als eine Seilschaft. Der Wert liegt im Kontext, nicht im Mythos.
- Solo ist kein Qualitätsbeweis: Ein guter Bergtag wird nicht dadurch besser, dass er allein stattfindet.
- Winter ist kein Sicherheitslabel: Kälte kann stabile Verhältnisse bringen, aber auch die Belastung und das Risiko massiv erhöhen.
- Erstbegehung heißt nicht Wiederholbarkeit: Eine Linie kann für den Erstbegeher logisch sein und für andere trotzdem heikel bleiben.
- Der Abstieg ist Teil der Route: Viele starke Geschichten scheitern nicht am Einstieg, sondern an der Rückkehr.
- Die Zahl am Grad sagt wenig aus: Länge, Wetter, Exposition und Erschöpfung sind oft wichtiger als der Einzelgrad.
Ich würde seinen Stil deshalb nie romantisieren. Was nach außen nach Klarheit aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis aus Erfahrung, Selbstkontrolle und sehr viel Verzicht. Genau daraus lassen sich aber für ambitionierte Bergsteiger die sinnvolleren Lehren ziehen.
Was ambitionierte Bergsteiger daraus lernen können
Wer sich mit Alpinklettern oder ernsthafteren Bergtouren beschäftigt, kann aus diesen Projekten mehr mitnehmen als Bewunderung. Ich sehe vor allem fünf praktische Punkte, die im Alltag am Berg wirklich zählen.
- Plane die Linie, bevor du an den Schlüsselzug denkst. Wer den Abstieg, die Sicherung und die Wetterentwicklung nicht mitplant, denkt zu kurz.
- Trainiere Ruhe statt nur Kraft. An langen Touren entscheidet oft die Qualität der Entscheidungen, nicht der nächste harte Zug.
- Respektiere das Rückzugsfenster. Eine gute Tour endet manchmal mit einem Umkehrzeichen und nicht mit einem Gipfelfoto.
- Lerne Seil- und Selbstsicherungssysteme gründlich. Ohne saubere Abläufe wird aus ambitioniert schnell unnötig riskant.
- Wähle Ziele, die zu deiner Erfahrung passen. Der Stil ist nur dann sinnvoll, wenn er zu Wetter, Gelände und Können passt.
Der wichtigste Satz für mich lautet deshalb: Nachmachen ist nicht das Ziel, Verstehen schon. Wer Gietls Touren liest wie eine Checkliste zum Kopieren, verfehlt ihren eigentlichen Wert. Wer sie als Schule für Planung, Geduld und Stil versteht, lernt deutlich mehr. Und genau deshalb bleibt sein Weg auch 2026 so interessant.
Warum sein Weg 2026 weiter spannend bleibt
Die jüngste Solo-Winterbegehung an der Cima Grande di Lavaredo zeigt, dass er weiterhin genau dort arbeitet, wo Anspruch, Erfahrung und Timing zusammenkommen. Das ist kein Zufall und auch kein Zufallsprodukt einer einzelnen guten Woche. Es ist die Fortsetzung eines Bergsteigerlebens, das auf Konsequenz ausgelegt ist.
Für Leser, die sich für Bergsteigen, Klettern und verantwortungsvolle Outdoor-Erlebnisse interessieren, ist das ein guter Maßstab. Nicht alles muss schneller, lauter oder spektakulärer werden. Manchmal ist die stärkste Haltung am Berg die, die Fels, Wetter und eigene Grenzen ernst nimmt. Genau dort liegt der eigentliche Wert solcher Projekte: Sie zeigen, wie viel Substanz in ruhigem, präzisem Alpinismus steckt.